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                Die Geschichte
       der Fährstelle von Missunde.


Seit dem frühen Mittelalter wurden immer wieder Maßnahmen getroffen, den Schleiübergang bei Missunde (wo heute noch die Fähre verkehrt) zu festigen und auch zu befestigen. Westlich vom Missunder Fährhaus gibt es am Nordufer der Schlei eine Halbinsel, die durch die Schleischleife gebildet wurde. Diese Anhöhe fällt zur Schlei hin steil ab. Dieser Bereich gehört zur Gemeinde Brodesby und heißt "Burg". Nach alten Aufzeichnungen hat es dort tatsächlich eine Wehrburg gegeben, errichtet von Knud Laward um 1120. Er soll die Anlage zur Abwehr gegen die Wenden gebaut haben. Was allerdings dann weiter mit dem Wehr passierte, ist nicht bekannt. Der Nordrand des Plateaus von Burg war später durch den ,,Margarethenwall" gesichert, benannt nach der dänischen Königin.
Hiervon sind aber nur noch Teilstücke vorhanden. Wenn man sich die Größe der Anlage einmal genauer ansieht, wird man sich eingestehen müssen, dass es sich hier nicht unbedingt um eine Wehranlage, sondern eher um eine Burg gehandelt haben muss.

Für eine Wehranlage scheint die Fläche zu groß zu sein. Dort, wo man die Wallfront annimmt, ist die Anlage sicher zu lang als dass hier eine Sperranlage gelegen haben könnte. Auch fehlen hier auf der Oberfläche Scherben oder ähnliche Zeichen einer ehemaligen Besiedelung. Die beherrschende Lage lässt allerdings auf eine Besiedelung schließen.
Pastor Ewaldsen, der nach der Niederlage der Schleswig - Holsteiner im Jahre 1851 sein Pfarramt in Brodersby antrat, schrieb bei der Schilderung der hiesigen Gemarkung folgendes in die Kirchenchronik:

Eine völlige Ausnahme hinsichtlich der Terrainverhältnisse zeigt die südliche Spitze des Kirchenspiels, Burg genant. Sie bildet ein abgesondertes Plateau, dessen sandiger Rücken ein irreguläres Viereck aufweist, das an Formation und Bonität weit mehr Ähnlichkeit mit dem Süden der Schlei liegenden Missunder und Wesebyer Dorffeld hat als mit dem Angeln. Da im Norden des Plateaus von der Großen Breite bis an das Missunder Fährhaus und nach Erihshuus (1864 abgebrannt) sich noch ein Wiesenstich vorfindet, ist anzunehmen. Das dass Burg in altere Zeit eine Insel gewesen ist, was auch eine alte, in den letzten Jahren verlorengegangene Chronik ausdrücklich behauptet". (Chr. Kock, Volks- und Landeskunde, Seite 607.)

Burg war einst eine Insel, zumindest aber von drei Seiten mit Wasser umgeben und gegen Norden durch einen alten Wall scharf begrenzt. Der Name "Margarethenwall" wird auf
"de swarte Gret", d. h. die Königin Margaretha Sambiria (t 1283), Witwe des Dänenkönigs Christopher 1. die bekanntlich in der schleswigschen Volkssage eine bedeutende Rolle spielt, zurückgeführt.
 
Diese Volkssage berichtet, dass Margaretha wegen ihrer Liebe zu Pferden auch "Margatetha Springhest" genannt wurde. Sie ließ die Elbe mit langen Pfählen und einer großen Kette sperren, so dass niemand hinaus oder herein konnte. Weiter heißt es hier, dass sie auch den Kieler und den Flensburger Hafen versperren und "die Schlei ruiniert" (vielleicht bei Burg ?). Dazu weist Ewaldsen daraufhin, dass:

....Jedoch ist dieser Wall gewiss älter, da es in einer alten Chronik heißt, dass die Königin den Wall wiederherstellte ebenso wie bei dem Dannevirke und dem Osterwall. In diese Zeit, als die letzten Werke angelegt wurden, scheint der Margarethenwall nicht zu gehören, weil jene Werke gegen Süden gerichtet sind, dieser aber nach Norden.
 
Zitat: "Außer Grabdenkmälern findet man in fast allen Gegenden Deutschlands noch Zeugen vorgeschichtlicher Zeit, welche Räuberburg, Bauernburg, Burgberg, Burgwall oder Ringwall genannt werden. Während man sie im Binnenland den Riesen zuschreibt, und deshalb häufig ,,Riesenburg" nennen, glaubt man an der Wasserkante sie mit Seeräubern in Verbindung bringen zu müssen. Man meint, die Bevölkerung habe sich hierher von den Seeräubern geflüchtet (Prof. Dr. Marks, Volks- und Heimatkunde SH, Seite 60) ."

Margaretha hatte sicher auch allen Grund dazu, schließlich wurde unsere Region im 11. Und 12. Jahrhundert immer wieder von den Wenden bedroht. Ob die Wenden wirklich an der Schlei sesshaft werden konnten ist zwar fraglich, aber nicht unbedingt von der Hand zu weisen. Die Ortsnamen Pommerby = "pro morn" = "am Meer", und Promoi beweisen dies. Auseinandersetzungen mit den Wenden gab es immer wieder. Am 28. Sept. 1043 kam es zur großen Schlacht auf der Lürschauer Heide.

Hier heißt es: "Eine Raste weit lag die Heide mit Leichen flüchtiger Wenden bedeckt. Die Wasserläufe waren derart mit Leichen gefüllt, daß das Wasser stockte und die Christen trockenen Fußes hin durchgehen konnten."
 
In dieser Schlacht sollen 15.000 Wenden erschlagen worden sein. Herzog Knud Lavard kämpft 7 Jahre später gegen den Wendenkönig Heinrich. In der Verschanzung "nahe vor Schleswig" die er erbaut hatte, überfällt er ihn. Der Wendenkönig überquerte zu Pferde die Schlei. Es kann sich hier nur um eine schmale Stelle der Schlei handeln wie etwa Palörde oder Missunde, also in unmittelbarer Nähe von "Burg". Danach fing er an für Ordnung zu sorgen. Wüste Banden wurden durch den Galgen gerichtet. Es ist somit verständlich, dass die Bevölkerung die Sicherheit einer rettenden Burg als Zufluchtsort bei Gefahr wusste.

Geht man zurück in das 9. und 10. Jahrhundert, könnte eine These die Entstehung der Schleifeste "Burg" erklären. Philipsen (Hamburg) ist der Meinung, dass Burg der Stützpunkt einer ehemaligen Wikinger - Dynastie gewesen ist die ihren Sitz in Haithabu hatte.

Er schreibt weiter: Nach Ewaldsen war "Burg" bis etwa 1830 fast unberührt, eine eingehende und groß angelegte Untersuchung wäre durchaus gerechtfertigt. Eine weitere Unterlage finden wir in den "annales Ryenses", die bekanntlich im 13. Jahrhundert im Rüde - Kloster (dem heutigen Glücksburg) verfasst sind, findet sich in Kapitel 90 eine Stelle, die von König Sven Gabelbart handelt und von hier behauptet, er habe: "sein Recht zurückerhalten von dem bei Mesund gefallenen Könige Norwegens, der sein Reich in Besitz genommen hatte."
 
In dieser Fassung enthalten die ,,Monurnenta Germaniae historica" (Tom. XVI pag. 392) den Chronikbericht. In anderen, vermutlich jüngeren Handschriften der Chronik, die in dänischen Klöstern hergestellt sind, ist aus "Mesund" "Oeresund" gemacht worden. Den Grund können wir heute leider nicht mehr erfahren. Wichtig scheint mir für den vorliegenden Zweck auch nur das zu sein, dass der einheimische Mönch sich in Missunde auskannte um mit den geschichtlichen, hier vom Volke lebenden Erinnerungen Missunde als Kampfplatz her kannte, wo Sven Gabelbart mit den ihm feindlichen Wikingern zusammenstieß.

Demnach erhält die Belagerung Haithabus, von der die Runensteine melden, eine neue und wichtige Bedeutung, die wir uns folgendermaßen denken dürfen: Der König Sven (985 - 1014) kam mit seinem Heer in Booten direkt aus England kommend in die Schlei hinein. Vor Missunde wird er sein Heer sicher geteilt haben weil er hier auf eine erhebliche Gegenwehr stoßen würde. So zogen Erik, sein Steuermann, und Skartha landeinwärts um das Wehr zu umgehen, der König persönlich griff Missunde an. Wie wir wissen, wurde Sven vor Haithabu getötet.

Der König ließ daraufhin einen Runenstein mit folgender Inschrift aufstellen: "Thurlf, Svens Heimgenosse, errichtet diesen Stein nach Erik, seinem Gefährten, der Starb, da die Männer saßen um Haithabu. Er aber war Steuermann, ein sehr guter Mann."
 
Die Inschrift des Skartha - Steins lautet:
"Sven, der König, setzte diesen Stein nach Skartha seinem Heimgenossen, der war gefahren westwärts, aber nun starb er bei Haithabu."

Die nächste für eine Sperranlage der Wikinger in Betracht kommende Möglichkeit wäre noch die Halbinsel Palörde, die zwischen Füsing und Stexwig von Norden her weit in das Fahrwasser hinein vorspringt und vielleicht einmal eine Insel war. Die Theorie wird durch den Fund der Reste einer riesigen Sperranlage an dieser Stelle untermauert. Hierzu sind allerdings auch Grabungen der Anlage "Burg" nötig um Zusammenhänge zu erkennen.

Das ganze Mittelalter hindurch blieb "Burg" ohne öffentlichen Verkehrsweg nach Brodesby oder Missunde. Nach der Einkoppelung mussten die Burger Kätner allerhand Hecktore öffnen und schließen, wenn sie mit dem Fuhrwerk ins Dorf wollten. Erst als 1899 das Kaisermanöver auf dem Plateau stattfinden sollte, wurde hier Abhilfe geschaffen. So ist es nicht verwunderlich, dass der Name nie in Vergessenheit geraten ist. In den Kriegswirren. des 15. Jahrhunderts taucht er wieder auf, als der Dänenkönig Erich von Pommern dem Schauenburger Herzog Heinrich von Schleswig sein Land streitig machen wollte.

Prof. Jankuhn schreibt zu der Übernahme von Ewald Hoff durch König Erich im Jahre 1415 über "Burg" und den Margarethenwall: "Während Ewaldsen darin eine Schutzanlage Waldemars I. vermutet, die erbaut war, um Vorgänge wie die Plünderung der Nowgoroder Schiffe durch Sven Grathe (1151) unmöglich zu machen, sah Lorenzen (De sydslesviske Befästningsvaerker i og fra Oldtiden og Middelalderen. Aarboger 1859) darin eine Schleisperre aus der Zeit Erich von Pommern."
 
Im Jahre 1426 war die Flotte des Dänenkönigs wieder in die Schlei eingelaufen. Sie hatten um Schleswig eine "lange Reihe von Schanzen und Bollwerken" errichtet. Zu den letzteren mögen wohl auch Palörde und Burg benutzt worden sein. Als aber 1427 die Flotte der Hansestädte Lübeck, Hamburg, Wismar, Rostock, Stralsund und Lüneburg dem Herzog Heinrich zu Hilfe eilten, räumte König Erich alle Schleibefestigungen.

Wie oft aber mag noch "Burg" mit ihrem Dorngestrüpp für unsere Ahnen ein Schlupfwinkel gewesen sein, als während des Dreißigjährigen Krieges im Jahre 1627 "viel fremdes Fußvolk" über die Schlei setzte, als Wallenstein bis vor Schloss Gottorp gelangte, als 1644 die Schweden unter Wrangel und Torstenson "Drangsal und Plünderung über die Schlei brachten". Nicht ohne Grund heißt hier ein Flurname der Gemarkung Brodesby "Wüstenberg".

Nach dem Friedensschluss von 1648, als die Gesandten zu Münster und Osnabrück den letzten Punkt unter die Verhandlungen gesetzt hatten, glaubte die Bevölkerung für lange Zeit endlich Ruhe zu finden. Aber schon 9 Jahre später begann ein neues Morden und Brennen. Mit 9.000 Reitern und etwa 4.000 Mann Fußvolk zog der Schwedenkönig Karl X. Gustav nach der gewonnenen Schlacht bei Warschau im Jahre 1657 gegen den König von Dänemark vor.
Es waren kriegsgewohnte, abgehärtete Regimenter, die nach langer Entbehrungszeit und durch ihr verwildertes Aussehen endlich Erholung vom polnischen Feldzug suchten und hier randalierten, zerstörten und vergewaltigten. Es waren nicht nur schwedische und deutsche Soldaten sondern auch Türken, Tataren und Kosaken verstärkten zusätzlich die Truppe.
 
Ähnliche Unruhen brachte der "Nordische Krieg" (1700 - 1720) als über "400 Wagen item Artillerie" hier über die Schlei gingen.

Selbst im 19. Jahrhundert wurde hier dreimal gekämpft: am 23. April 1848, am12. September 1850 und am 2. Februar 1864.

Jedes Mal wurde Burg als Zufluchtsort aufgesucht. So heißt es von den Besuchern des Fährhauses: "Als die preußischen Flinten das Fährhaus trafen, machte sich die Hausbesatzung aus dem Staube. Umpfiffen von Kugeln, eilten sie nach Burg hinauf." Hier trafen sie auf weitere Dorfbewohner.

Das Gefecht von Missunde am 02.Februar 1864
( aus: Th. Fontane, Der Schleswig-Holsteinsche Krieg im Jahre 1864 )

Der Zug des preußischen Corps, wie wir wissen, ging auf Missunde. Hier sollte, um die Worte des Angriffsplanes zu wiederholen: „die feindliche Stellung geöffnet werden, während das östreichische Corps die Hauptstärke des Feindes am Dannewerk festzuhalten suchte“. Derselbe Tag (l. Februar), an dem das preußische Corps die Eider passierte, hatte, wie wir im vorigen Kapitel gesehn, auch zur Einnahme Eckernförde's geführt. Für den nächsten Tag lautete die Disposition, zwischen dem Windebyer Noer und der „großen Breite“ Stellung zu nehmen und den Feind aus Kochendorf und Holm zu vertreiben.

Dieser Disposition gemäß rückte die Avantgarde um 8 Uhr vor. Sehr bald traf Meldung ein, dass der Feind Kochendorf freiwillig geräumt und seinen Rückzug auf Missunde angetreten habe. Schon um 8¾ Uhr konnte der Führer der Avantgarde dem commandirenden General Prinzen Friedrich Karl melden, dass die Tages-Aufgabe erfüllt und die Linie Kochendorf-Holm im Besitz der Preußen sei. Sofort, da es noch früh am Tage war, wurde ein Vorstoß auf Missunde beschlossen. Es musste sich zeigen, ob der Feind gewillt sei, wenigstens hinter seinen Schanzen Stand zu halten. Die nöthigen Befehle ergingen. Drei Brigaden (die beiden westphälischen und die Brigade Roeder) blieben in Reserve; die Avantgarde und die Brigade Canstein rückten vor; schon um 10 Uhr war die Spitze der Avantgarde, Major v. Krohn vom Füsilier-Bataillon
24. Regiments, im Angesicht von Missunde.
 
Eh wir dem Gefecht folgen, dass sich bald entspann, geben wir eine kurze Beschreibung der feindlichen Stellung. Zunächst von Missunde selbst.

Dorf Missunde ist ein altes Fischerdorf an der Südseite der Schlei, malerisch gelegen aber ärmlich; zwanzig Häuser bilden eine einzige Gasse, die sich gegen die Schlei hin in einzelne Gehöfte auflöst; eine Kirche fehlt; am Nordufer liegt das Fährhaus.

Ein Fischerdorf und doch viel genannt in der Geschichte der Herzogthümer, von alten Zeiten her. Hier kam das Drama zwischen den „feindlichen Brüdern“, zwischen König Erich und Herzog Abel (oft erzählt in der Geschichte des Nordlands) zu einem blutigen Ende. Es war in der Nacht des 9. August 1250, als ein Fischerboot, drin der gefangene König Erich saß, die Schlei hinab gen Missunde fuhr. Das Boot kam von Schloss Gottorp. Abel, Herzog zu Schleswig, hatte doppelten Verrath auf sich geladen; der König war sein Bruder und sein Gast. Er hatte ihn gefangen nehmen lassen, als er beim Schachspiel saß. Nun glitt das Boot die Schlei hinunter.

Neben dem Könige saßen Tuko Boost, der Kämmerer Herzog Abels und Lauge Gudmunsen, der wegen alten Unrechts aus Dänemark hatte fliehen müssen und seitdem des Königs geschworener Feind war. Keiner sprach; König Erich starrte vor sich hin, er mochte wissen was seiner harrte. Als sie an die „große Breite“ kamen, wo jetzt Louisenlund gelegen ist, bat er, man möge ihm einen Priester zuführen, damit er seine Sünden beichten könne. Aber Lauge Gudmunsen ergriff ihn bei den Haaren und zwang ihn, den Hals über den Bord des Kahns zu legen, worauf Tuko Boost ihm mit einem Beile den Kopf von den Schultern trennte. Den Leichnam beschwerte man darauf mit Steinen und Ketten und versenkte ihn bei Missunde in die Schlei.
 
Sechshundert Jahre vergingen seitdem und viel Blut ist seit jenem 9. August bei Missunde geflossen, aber alles andere Blut ist vergessen neben dem Bruderblut jenes Tages. An Herzog Abels finstere Gestalt knüpfen sich Sagen und Märchen, so finster wie er selbst. Sie erzählen von einem Pfahl, der in sein Grab geschlagen wurde, um den Todten drin zu bannen; bis dahin ging er um. Er ist der „wilde Jäger“ dieser Gegenden; noch andere sagen, er sei in die Möwen verzaubert, die auf der Möweninsel zwischen Schleswig und Haddebye ihre tausend Nester haben. Bei Missunde aber ist das Terrain König Erich's. Dort stand bis vor wenig Jahren die Fischerhütte, drin die Schleifischer, als sie den König gefunden, seine Leiche zuerst niederlegten, und mancher, der um die Zeit des Sonnenunterganges über die große Breite hinfährt, glaubt bis diesen Tag den König Erich in rothem Mantel treiben zu sehn, die linke Hand gen Himmel erhoben.

Viel Blut floss bei Missunde, auch noch in neuerer Zeit; 1848 hatten Aldosser und v. d. Tann ein Gefecht hier, 1850 griff Willisen hier die feindliche Stellung an, um Revanche zu nehmen für Idstedt. Der 2. Februar 1864 trat nun in die Fußtapfen vorausgegangener, blutiger Tage. Eh wir aber dem Angriff auf die Missunde-Stellung folgen, fragen wir jetzt nach dieser Stellung selbst.

Die Missunde-Stellung ist, wie schon angedeutet, ein Theil jener großen Vertheidigungslinie, die sich von der Ostsee zur Nordsee quer durch den Süden Schleswigs zieht. Das Centrum dieser Vertheidigungslinie, wie wir gesehen haben, ist das eigentliche Dannewerk, den linken Flügel auf fünf Meilen hin bildet die breite, buchtenreiche Schlei, den rechten Flügel, auf ebenfalls fünf Meilen hin, bildet die sumpfige Eider. Mit andern Worten, das Centrum ist durch Kunst, die beiden Flügel sind durch die Natur vertheidigt. Aber so viel auch die Natur für die Flügelstellungen des Dannewerks gethan hat, so hat sie doch nicht alles gethan, die Schlei ist nicht an allen Stellen buchtenreich und die Eider nicht an allen Stellen sumpfig; d. h. also: so vorzüglich rechter und linker Flügel gewahrt sind, so haben sie doch ihre schwachen Punkte. Diese schwachen Punkte liegen auf dem rechten Flügel da, wo sich passirbare Wege durch das Sumpfland ziehn und liegen für den linken Flügel da, wo die Schlei so schmal ist, daß es verhältnißmäßig leicht wird, sie auf Böten oder mittelst einer Schiffbrücke zu passiren.
 
Solcher schmalen Stellen (wir haben es in Nachstehendem nur mit dem linken Flügel zu tun) hat die Schlei zwei oder drei: Missunde, Arnis, Cappeln. Diese drei schmalen Stellen des Meerbusens sind zugleich die drei schwachen Stellen der Vertheidigung, so lange die Kunst der Natur nicht zu Hülfe kommt.
Missunder Prahm um 1864 mit Schiffsbrücke
 
 
Dass die Kunst der Natur diese Hülfe leistete, versteht sich von selbst; so entstanden an den drei schwachen Stellen des linken Flügels ausgedehnte Vertheidigungswerke, Schanzen, Wälle, Brustwehren, die bei Arnis und Cappeln in ihrer Gesamt - Anlage noch Spuren der Hast und Uebereilung trugen, bei Missunde aber sich zu einem Vertheidigungssystem abrundeten, das in Plan und Ausführung, ebenso wie das der eigentlichen Dannewerkstellung, die Bewunderung der Kenner hervorrief. Die schwache Stelle bei Missunde war dadurch zu einer starken Position geworden; schon 1850 hatte sie sich als solche bewährt, seitdem hatten ihr die erweiterten Werke eine gesteigerte Widerstandskraft gegeben.
 
Die Anlage bestand im Wesentlichen aus drei auf einander folgenden Schanzenreihen, von denen zwei südlich der Schlei, die dritte Reihe nördlich derselben gelegen war. Die Anlage war so, dass der Angreifer unter allen Umständen zwischen das Kreuzfeuer der verschiedensten Schanzen gerathen mußte. Waren die zwei großen Frontalschanzen der ersten Reihe genommen, so kamen diese nunmehr eroberten, nach hintenzu geöffneten Schanzen unter das Feuer der zweiten und dritten Reihe, und waren die vier Schanzen der zweiten Reihe genommen, so waren die sechs Schanzen des Nordufers immer noch stark genug, um den Uebergang über die Schlei zu hindern. Es gab, eine tapfere Vertheidigung vorausgesetzt, nur zwei Wege, dieser Stellung Herr zu werden: ein energischer Sturm ohne Rücksicht auf Menschenleben oder eine superiore Artillerie. Ein Sturm lag völlig außer Frage; eine superiore Artillerie war vorläufig nicht vorhanden. Dass der Angriff dennoch beschlossen wurde, geschah in folgender Erwägung: zeigt sich die Vertheidigung schwach, so nehmen wir die Position trotz ihrer formidablen Stärke; zeigt sie sich stark, so fesseln wir den Feind bei Missunde und gewinnen freie Hand, um bei Arnis und Cappeln überzugehn.

Wir kehren nun zu den preußischen Kolonnen zurück, die wir auf dem Marsche gegen Missunde verließen. Die Avantgarde, fünf Bataillone stark (drei Füsilier-Bataillone vom 24., 15. und 13. Regiment, das 1. Bataillon vom 60. Regiment und das westphälische Jäger-Bataillon) stand um 11 Uhr, innerhalb Schussweite, in Front der Schanzen. Sie nahmen eine gedeckte Stellung, etwas zurück gelegen von dem Gabelpunkt, wo von rechts und links her zwei Nebenwege (die Straßen von Weseby und von der Ornumer Mühle) in den von Cosel nach Missunde führenden Hauptweg einbiegen. Tausend Schritt vor ihnen lagen die zwei ersten Schanzen, der Schlüssel zur Stellung; jeder Angriff musste zunächst sich gegen diese richten.
 
Um 12 Uhr traf General Canstein mit fünf Bataillonen (drei vom 35., zwei vom 60. Regiment) auf dem rechten Flügel ein und ging bei der Ornumer Mühle, nachdem die Brücke wiederhergestellt war, über die Cosel-Au. Er nahm gedeckte Stellung und stand nunmehr, etwa in gleicher Entfernung wie die Avantgarde, den zwei großen Frontal-Schanzen gegenüber. Nur stand er in der Flanke dieser Schanzen, während die Avantgarde in Front stand. Zwischen der Flankenstellung der Brigade Canstein und der Frontalstellung der Avantgarde läuft ein Höhenzug; auf diesem Höhenzuge fuhren 64 preußische Geschütze auf. Der rechte Flügel der Artillerie lehnte sich an die Brigade Canstein, der linke Flügel an die Avantgarde. Die gesammte Aufstellung beschrieb einen Halbkreis auf tausend Schritt Entfernung um die großen Schanzen herum. Mitten durch die Aufstellung lief der Cosel-Missunder Weg hindurch. Um 1 Uhr eröffneten die preußischen Geschütze ihr Feuer. Schon um 12½ Uhr hatten die Dänen einen Vorstoß gewagt, waren aber zurückgeworfen worden.

Der ganze Kampf dieses Tages wies drei Momente auf: 1. Ein Infanterie-Gefecht vor Eröffnung der Kanonade. 2. Die Kanonade selbst. 3. Einen Versuch gegen die Schanzen während der Kanonade. Bei jedem der drei Momente verweilen wir.
 
Das Infanterie-Gefecht vor der Eröffnung der Kanonade.

General Gerlach, der mit etwa 2500 Mann, - Bataillone vom 3. und 18. dänischen Regiment - die Missunde-Stellung besetzt hielt, wurde unruhig als er den Angriff der Preußen, deren erste Spitzen schon um 10 Uhr früh in Front der Schanzen erschienen waren, sich von Stunde zu Stunde verzögern sah. Er schickte deshalb drei Recognoscirungs-Compagnieen auf den drei mehrgenannten Straßen vor. Aber sie kamen nicht weit. Tausend Schritt vor den Schanzen stießen sie auf die Füsilier-Bataillone vom 15. und 24. Regiment. Die 10. Compagnie vom 24. stürmte, unter Führung ihres Bataillons-Commandeurs, Major v. Krohn, mit dem Bajonnett vorwärts. Der Feind suchte vergebens hinter einem halbabgetragenen Knick Halt zu gewinnen, er wurde in die Schanze zurückgeworfen. Ein Zug der 11. Compagnie 24. Regiments unterstützte diesen Angriff, verlor aber hierbei seinen Führer, den Lieutenant Hagemann, "Er fiel der erste preußische Officier, dessen Herzblut in diesem Feldzug die Erde Schleswigs färbte". Das Füsilier-Bataillon 15. Regiments hatte einen erheblicheren Verlust an Mannschaften; sein Commandeur, der Oberstlieutenant v. François, wurde schwer verwundet. Dies Infanterie-Gefecht war der Vorläufer des eigentlichen Kampfes.
 
Die Kanonade.

Um 1 Uhr eröffneten die preußischen Geschütze ihr Feuer, 24 gezogene 6Pfünder,
24 Haubitzen, 16 Geschütze der Reserve-Artillerie. Die Dänen antworteten aus 29 Geschützen, meist 12- und 24 Pfünder. Es war ein ungleicher Kampf, aller Vortheil, trotz des numerischen Uebergewichts der Angreifer, auf Seiten der Dänen. Ihre Geschütze, ohnehin von überlegenem Kaliber, standen in gedeckten Positionen, zudem kannten sie die Distancen. Von 100 zu 100 Schritt Abstand hatten sie die Schanzen mit Kreisen umzogen, so dass sie, mit Hülfe aufgestellter Terrain-Merkmale, jeden Augenblick wissen konnten, auf welche Entfernung ihnen der Gegner gegenüber stand. Die preußische Artillerie stand ungedeckt auf dem Höhenzuge und feuerte in den Nebel hinein. Bei Beginn der Kanonade vermochte man noch die Schanzen, wenn auch undeutlich zu erkennen, bald aber lag alles wie in Nacht und nur noch beim Aufblitzen der feindlichen Geschütze wurden schattenhaft die Umrisse sichtbar. Konnte man preußischerseits kaum die Schanzen selber sehn, so sah man noch viel weniger, ob man traf oder nicht. Endlich zeigten aufsteigende Feuersäulen, dass das Dorf Missunde und das Fährhaus am jenseitigen Ufer in Brand geschossen seien; man wusste nun, dass man in der Nebelluft die Distancen weiter geschätzt hatte als sie waren, und um endlich der Unsicherheit des Zielens nach Möglichkeit überhoben zu sein, gab Oberst Colomier Befehl zum Avanciren. Die Haubitzbatterieen gingen bis auf 700 Schritt an die Schanzen vor und protzten kaltblütig im Kartätschenhagel ab. Die Haltung der Leute war musterhaft; hier fiel Lieutenant Kipping, mit ihm 10 Mann von seiner Batterie, zwanzig andere wurden verwundet. Ohne jede Stockung ging es weiter. Das Gedröhn war furchtbar; wie ein Gewittersturm ging es über das Feld hin. Es war eine Kanonade (zusammen 93 Geschütze) heftiger als in mancher großen Schlacht. Dabei wurde mit großer Raschheit gefeuert. Eine der gezogenen Batterieen hatte über 300 Schuß abgegeben.
 
Der Versuch gegen die Schanzen.

Während so die Artillerie die große Tagesarbeit that, gingen in Front und Flanke Infanterie-Abtheilungen vor, um, wenn möglich, durch einen raschen Stoß die Schanzen in ihre Gewalt zu bringen. Auf dem linken Flügel (Avantgarde) kamen diese Versuche kaum über ein erstes Stadium hinaus. Das Füsilier-Bataillon vom 13. Infanterie-Regiment ging vor, westphälische Jäger folgten, aber umsonst; aller Orten, wo sie zum Vorstoß ins Freie traten, geriethen sie unter das Kreuzfeuer der Schanzen. Das Füsilier-Bataillon verlor beträchtlich, eine Troddel von der Fahne wurde weggeschossen.

Günstiger schien es sich auf dem rechten Flügel (Brigade Canstein) gestalten zu wollen. Das 2. Bataillon vom 60. Infanterie-Regiment hatte die Tête, drei Compagnieen gingen vor; die 7. Compagnie folgte mit der neuen Fahne des Bataillons. Sie war noch in der Umhüllung. Da klang es von allen Seiten: "Futteral ab, Futteral ab!" und bald flatterte die Fahne im Winde. Nicht lange, so schlugen zwei Kugeln in dieselbe ein. Ein weithin schallendes Hurrah begrüßte den klatschenden Ton; war es doch die erste Fahne von all den neuen Regimentern, die hier die Feuertaufe empfing. Die 5. 6. und 8. Compagnie kamen an das Eis einer Schleibucht, dicht im Rücken der Schanze, und unterm Kugelregen ging es über die sich biegende Eisdecke fort. Hier fiel Lieutenant Hammer, tödtlich getroffen; die Lieutenants Lau und Bajetto wurden verwundet, aber die Compagnieen blieben im Avanciren bis an das Glacis der Schanze. Als sie Succurs erwarteten, kamen die Signale zum Zurückgehn.
 
Es war klug, das Gefecht abzubrechen. Für eine Recognoscirung wußte man genug. Man hatte die Stärke der ganzen Stellung erprobt, zugleich erkannt, dass der Feind die Absicht habe, sich ernstlich zu vertheidigen. Von dem Augenblick an, wo diese Absicht hervortrat, war es klar, dass nur ein Sturm auf die großen Frontal-Schanzen ein Resultat ergeben konnte. Die zu bringenden Opfer waren sicher, der Werth des überhaupt Erreichbaren aber ungewiss. Denn mit Eroberung der ersten Schanzenreihe war, wie wir Eingangs gezeigt haben, für Eroberung der ganzen Position erst wenig gethan. Außerdem war es zweifelhaft, ob es möglich sein würde, die eroberten Schanzen - die, wie wir wissen, nach hinten zu geöffnet waren - gegen das Feuer der zurückgelegenen Schanzen der zweiten und dritten Linie zu halten. Ein rücksichtsloses Dransetzen von Menschenleben - wenn man sich zu einem Aeußersten entschließen wollte - stellte freilich den Sieg mit halber Sicherheit in Aussicht; aber die Gesammtlage erheischte eben kein Aeußerstes und dem Auge des Feldherrn boten sich rasch die Mittel und Wege dar, mit geringem Einsatz an anderem Ort dasselbe Ziel zu erreichen, das bei Missunde nur mit den größten Opfern zu erreichen gewesen wäre.

Beim Dunkelwerden rückten die Truppen auf der Linie Eschelsmark, Cosel, Holm, in ihre Quartiere ein. Die im Feuer gewesenen Bataillone hatten an diesem ersten Kampfestage, an dem sich die Söhne der Väter werth geschlagen hatten, einen nicht unbeträchtlichen Verlust. Doch war er gering im Vergleich zu dem heftigen Geschützfeuer , dem sie drei Stunden lang ausgesetzt gewesen waren. Vier Officiere und 29 Mann waren todt; l65 waren verwundet, darunter 7 Officiere. Die Hauptverluste hatten das Füsilier-Bataillon vom l5. Regiment (60 Mann) und das 2. Bataillon vom 60. Regiment (40 Mann). Die 4 gefallenen Officiere waren Lieutenant Hagemann vom 24., Lieutenant Hammer vom 60., Lieutenant Graf v. d. Groeben vom Zietenschen Husaren-Regiment (als Ordonnanz-Officier commandirt) und Lieutenant Kipping von der 3. Artillerie-Brigade. Dem Oberstlieutenant v. François, Commandeur des Füsilier-Bataillons vom 15. Regiment, hatte, wie schon erwähnt, gleich beim Beginn des Gefechts eine Kugel die Kinnlade zerschmettert.
 

Wie ein elektrischer Schlag ging die Nachricht vom „Tag von Missunde“ durch ganz Deutschland. Man hatte jetzt den Beweis in Händen, dass es Ernst sei. Die Schleswiger jubelten, die Holsteiner gaben den stillen Widerstand ihrer Herzen auf. Es kam die Zeit der Gerüchte, der fliegenden Blätter, der Kriegsanekdoten, gut und schlecht. Ein frischer Geist ging durch die Nation.

Donnernd gegen Missunde.

Fiel der erste Schlag, wurde zu einem Anruf, zu Gruß und Erkennungszeichen. Den Gefallenen zu Ehren klangen Lieder in allen Landestheilen; am schönsten waren die Worte, die ein Kamerad dem gefallenen Lieutenant Kipping (Sohn des Superintendenten in Bernau) nachrief:

   Ernsthaft im Leben,
   Heiter im Kampfe,
   Standst Du im dichten
   Pulverdampfe,
   Immer als leuchtendes
   Vorbild voran.
   So bis zum Sterben
   Hast Du gestritten,
   Lautlos den schönsten
   Tod erlitten,
   Bist glorreich gestorben
   Bei rühmlicher That.
 
Prinz Friedrich Karl, der sich seinerseits am 2. Februar den Beinamen "Prinz Alltyd-Vorup"' erwarb, hatte am Abend den ihm vorbei marschirenden Truppen zugerufen: "Ihr könnt heut wie Männer schlafen, die ihre Pflicht gethan." "So soll es immer sein", hatten ihm die Truppen geantwortet.
 
Einige Tage später erließ der Prinz einen Corpsbefehl, worin er des Tages von Missunde in folgenden Worten gedachte: "Eure Haltung im Gefecht ließ nichts zu wünschen, denn nur euer Eifer musste gezügelt werden. Besondere Anerkennung verdient die Tapferkeit und Kaltblütigkeit unserer braven Artillerie. Der 2. Februar bleibt für sie, die einen ungleichen Kampf rühmlich bestand, auf immer denkwürdig." Es wird genügen zu sagen: "Ich bin ein Kanonier von Missunde", um die Antwort im Vaterlande zu hören: "Siehe da, ein Tapfrer!" Soldaten, ich werde die Namen der besonders Tapferen und Derer, die uns wichtige Dienste geleistet haben, aus allen Waffen, dem Könige nennen."

Ende dieses geschichtlichen Überblicks
 
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